Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Elfe Weiß


cover
Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2017







Brief an Roy Black
(Die Kunst des Lebens)



Lieber Gerd!
Es macht mir so viel Freude, dir einen Brief zu schreiben!
Im Jänner 2018 ist dein 75. Geburtstag.
Gern wäre ich dir eine Freundin gewesen, doch leider haben Ort und Zeit um dich persönlich zu treffen, nicht gepasst (und E-Mail hat es auch noch nicht gegeben).
So schreibe ich an dich als dein Fan.
Es sind über 25 Jahre vergangen, seit du für uns »live« warst und im Internet melden sich mittlerweile zahlreiche Fans unter 25 Jahren, die dich leider nie live erleben konnten. Deine fesselnde Stimme hat sie trotzdem erreicht.
Gern möchte ich allen Fans und denen, die es noch werden wollen, empfehlen, sich jedenfalls einen älteren Konzertmitschnitt zu besorgen. Mich hat der Unterschied zu den Schlagersammlungen überzeugt und mir ist wieder klar geworden, warum ich als Teenie an deinen Lippen gehangen habe.
Aber noch viel lieber hätte ich mit dir gesungen, am Lagerfeuer.
Dein sanftes Kippen zwischen Kopf- und Bruststimme und das besondere Timbre erfüllen alle von dir bekannten Lieder und deine kraftvolle Energie in den Rock´n’Roll-Nummern muss man erlebt haben (neulich habe ich eine Notiz darüber gefunden, dass du angeblich etliche Verstärker kaputt gesungen hast).
Ich meine, du hättest mit Sicherheit ein berufliches Leben finden können, das physisch und psychisch weitaus weniger belastend und stressig gewesen wäre als das eines Sängers und Schauspielers, doch hast du die Priorität deiner Gesundheit zeitlebens zurückgestellt, um insbesondere deine einzigartige, unverwechselbare Stimme mit uns allen zu teilen, dein Engagement und deine Liebe zur Musik in jeder Form. Du hast nicht nur zu 100 Prozent abgeliefert.
Ich hab als Teenager deine frühen Filme gesehen und war mir dann sicher, dass mein »Zukünftiger«ca. 1,70 bis max.1.80 m groß sein würde und schwarzhaarig, mit einem Körper wie der griechische Apoll.
Und rund 10 Jahre später war es dann auch so …



Groupies

Groupies sind meist weibliche Teenies, die noch keine ernsthafte dauernde Beziehung zu einem realen Freund oder Partner haben und all ihre Gefühle und Sehnsüchte auf einen, meist männlichen, Künstler fokussieren. Sie sammeln Fotos, Zeitungsausschnitte, alte Konzert- oder Kinokarten und ähnliches, doch damit natürlich nicht genug. Wie in einer realen Beziehung ist es ihr größter Wunsch, ihrem »Schwarm«nahe zu sein und sie träumen davon, dass er, würde er sie nur kennenlernen, ihre Gefühle erwidern würde.
Groupies sind bei der Wahl ihrer Mittel zur Herstellung persönlicher Kontakte recht skrupellos. Sie lauern ihrem Geliebten nicht nur zur Autogrammstunde auf, sondern überraschen ihn im Privatleben auf Schritt und Tritt mit ihrer Allgegenwart. Dass er sein Privatleben gern privat leben möchte oder auch nur erschöpft ist nach einem Auftritt, sehen sie nicht. Das ist jedoch, folgt man ihrem Gedankengang, nicht verwunderlich. Er wird ja gleich ganz glücklich sein, dass sie da sind. Und, wenn sie ihn jetzt nicht allein für sich haben können, weil ja eine ganze Schar von Groupies da ist, dann brauchen sie doch wenigstens einen kleinen Fetzen von seinem Hemd …
So witzig das alles vielleicht klingen mag, die Gefühle von Groupies sind echt, und auch ihre Tränen. Du hast sie gekannt, Gerd.
In meiner Teenagerzeit haben viele Mädchen ein Hemd ihres Liebsten als Bluse getragen, um ihrem Schatz den ganzen Tag so nah wie möglich zu sein. Hast du das auch erlebt?
Du könntest jedenfalls wahrheitsgetreu sagen: du hast für deine Groupies dein letztes Hemd gegeben …
Auch unter den reiferen Damen hast du treue Fans, das sind meist verheiratete Frauen mit unmusikalischen Ehemännern.
Und vielleicht sind jene »Fans«, die im Freundes- und Bekanntenkreis nur damit angeben wollen, dich »kennengelernt«zu haben, unangenehmere Verfolger für dich gewesen.



Allein

In deiner Rock ’n’ Roll-Zeit warst du daran gewöhnt, mit einer Gruppe von Freunden auf einer kleineren Bühne zu stehen und mit Leidenschaft warst du ihr Lead-Sänger, der dem Publikum so richtig eingeheizt hat.
Das Publikum, meist junge Menschen, hat mitgeklatscht, den Refrain mitgebrüllt, hat dich als ihren Entertainer getragen. Je länger die Performance, umso heißer und lauter … Zwischendurch auch etwas für eng umschlungene Pärchen. Alles in Interaktion und voll purer Energie zwischen den Menschen.
Auf großen Bühnen gibt es für Konzertabende ein Orchester, dessen Musiker räumlich entfernt und mitunter dem Sänger gar nicht bekannt sind. Für einen Gast-Sänger gibt es meistens nur Halb-Playback mit Musik vom Tonträger. Scheinwerfer in Richtung Bühne erschweren die Sicht des Künstlers und damit auch den Kontakt zu seinem Publikum, das hier nur die passive Rolle der Zuschauer und Zuhörer hat.
Dann stehst du ganz allein auf der Bühne und vor der Kamera, Dunkelheit vor dir, aber du weißt jetzt alle Erwartungen, alle Augen auf dich gerichtet, vielleicht sogar jene von Millionen Hörern oder Fernsehzuschauern. Am besten singst du jetzt: »Du bist nicht allein …«
Du hast immer den Live-Kontakt zu den Menschen in deinem Publikum gesucht und wenn es dir möglich war, hast du sie gefangen genommen und mitgerissen in deine Melodien und Rhythmen, in deine Freude an der Musik, in deine Kraft und Energie – und dann haben sie dich, ihren Entertainer, getragen.



Zwei halbe Leben?

Ich hab oft gehört, Gerd Höllerich und Roy Black hätten nichts gemeinsam, weil Roy Black trägt immer Anzug und Krawatte, Roy Black strahlt immer, Roy Black ist ein reicher Playboy, Roy Black ist hauptsächlich Schnulzensänger, Roy Black ist eine Kunstfigur, es ist schwer, Roy Black zu sein.
Gerd Höllerich ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, mit den Musikinteressen und den Freiheitsgedanken der Gleichaltrigen seiner Zeit. Du wolltest Musik für junge Menschen machen, aber Woodstock war brotlos.
Zuerst hab ich gedacht: »Ist denn der Auftritt als Roy Black wirklich so fordernd?« Viele Menschen müssen Berufskleidung tragen, viele Menschen sind im Berufsleben gefragt, »ein anderer« zu sein. Arbeite im Kundendienst und es wird erwartet, dass du »immer strahlst«.
Aber der Job der meisten gewöhnlichen Menschen findet ja in festgelegten Zeiträumen statt und sie können sich darauf verlassen, vor und nach dieser Zeit privat sein zu dürfen, eben ganz gewöhnlich. Sie müssen kein Millionenpublikum unterhalten und werden nicht auf Schritt und Tritt verfolgt.
Gerd Höllerich wurde selbst in seinem Privatleben zu Roy Black, sobald irgendwo Menschen auftauchten, die das möglicherweise oder tatsächlich erwarteten, wie Fans, Groupies oder auch Paparazzi irgendeiner Art, ja vielleicht sogar Berufskollegen und -kolleginnen.
So hatte Gerd Höllerich gerade mal im engen Kreis die Möglichkeit, ganz gewöhnlich zu sein und die Auftritte als »Roy Black« machten wohl manchmal auch weniger Spaß, nicht immer ist man zu 100 % Sonnenschein.
Und jetzt machen wir eine Wendung um 180 Grad.
Gerd Höllerich, du warst nie ganz gewöhnlich, sondern im Gegenteil, ein ganz begnadeter Sänger. Diese wunderschöne Stimme war ja die deine! Deine Fans sind gekommen, um deine Stimme zu hören.
Ganz egal, wie du dich genannt, gekleidet oder verhalten hast, Roy Black war nicht ohne Gerd Höllerich und deshalb haben die beiden wohl doch eine Menge gemeinsam(?)



Arbeit in der Glitzerwelt

Man darf in dieser Glitzerwelt anders sein, die Realität des Tages loslassen, man darf einander sogar näher begegnen, Erlebnisse genießen, die den Sonnenaufgang nicht sehen. Die Glitzerwelt beginnt abends mit bunten Lichtern, Musik und Tanz, den Glamour-Gestalten der Nacht und ihrem ausgelassenen Gelächter. Die Nacht hat etwas Verborgenes, etwas Verbotenes, und sie hat ihre eigenen Regeln. Sie ist unsere Scheinwelt, die den Tagesanbruch nicht erlebt.
Menschen, die in dieser lauten Glitzerwelt, in unserer Scheinwelt, arbeiten, laufen nachts energetisch hochtourig, schlafen danach meist in den Tag hinein. Wenn aber die Ausflüge in die Glitzerwelt unregelmäßig stattfinden oder gar die Glitzerwelt dominiert, was ist dann Schein, was Realität?
Wann können oder sollen denn diese Menschen loslassen? Was loslassen? Den Tag, die Nacht? Den Schein, die Realität? Trägst du heute Gerd Höllerich in die Nacht? Nimmst du morgen Früh Roy Black mit heim?



Joe Cocker

Einer deiner Lieblingssänger? Ich mag sein »Summer in the City«, könnte aber nicht behaupten, dass ich viel von ihm kenne. Auch seine Stimme ist unverwechselbar, aber oft auch ein gerade passendes heiseres Grölen.
Auch wenn du vielleicht vieles so empfunden hast wie Joe Cocker (hat er das eigentlich gewusst?), finde ich, dass deiner Stimme das heisere Grölen nicht wirklich gut entsprochen hätte – zum Glück von Millionen von weiblichen Fans, die das ähnlich sehen, einen Joe Cocker hatten sie ja! Selbst wenn du in Rock ’n’ Roll unterwegs warst, ist deine kraftvolle Stimme doch immer melodisch geblieben. Ich war völlig erstaunt darüber, dass du Pfeife geraucht hast, was ja der Stimme nicht wirklich gut tut (wolltest du am Ende doch grölen?). Aber bekanntlich sind ja Pfeifenraucher Genussraucher, die sich dafür Zeit nehmen müssen, so dass ich annehme, du bist gar nicht so oft in diesen Genuss gekommen. Ich hab mit Zigaretten meine Stimme verdorben, aber das war kein Verlust für die Menschheit.
Männer haben primär ein harmonisches Gehör, Frauen ein melodisches. Musikerinnen und Musiker brauchen natürlich beides. Auffallend in deinen Liedern, in welch schneller Abfolge von Tönen du noch ganz exakt und trotzdem sanft die völlig unterschiedlichen Tonhöhen punktgenau ansingst. Ein Wonneschauer für Menschen wie mich, mit ein bisschen Gesangserfahrung im Chor.
Deine Performance des Rock ’n’ Roll – so sehr ich sie auch genieße, soweit noch in Ton und Bild vorhanden – war sicherlich körperlich sehr viel anstrengender, als die Interpretation deiner Lieder, der erforderliche Druck auf der Stimme, um das Schlagzeug zu toppen, ein gewaltiger.
Hätten wir dich als häufigen Rock ’n’ Roller womöglich noch früher verloren?



Alkohol

Der Alkohol gehört zur Nacht, zum Wohlfühlen, zum Loslassen … Ich habe immer gestaunt, wie unterschiedlich die Anzahl der »Gläschen«ist, die Frau und Mann sich genehmigen, um sich in ähnlicher Weise wohlzufühlen. Dazu kommen natürlich noch unterschiedliche Gewohnheiten und Gewöhnungen.
Künstlerinnen und Künstler sind sicher in besonderer psychischer Art beruflich gefordert, zu bestimmten Zeitpunkten optimal abzuliefern und suchen danach Entspannung und oft auch Gesellschaft.
Wir waren zwar für den friedlichen Freiheitskampf der 68er etwas zu jung, haben aber auch in häufigen Gesellschaften nicht nur den Durst gestillt. Auch wir haben losgelassen über den Sinn des Lebens diskutiert und das oft bis zum »Morgengrauen«in jeder Hinsicht.
Während Frauen nach ein paar Gläschen Wein meist entspannt sind, können Männer erheblich mehr Alkohol vertragen.
Mir sind zwei verschiedene Typen von Menschen begegnet. Während die einen am späteren Abend schläfrig und wortkarg werden, um sich dann bald zu verabschieden, blühen die anderen zusehends auf. Ihre Aktivitäten und ihre Kommunikation nehmen nicht nur zu, sondern richtiggehend überhand. Mit zunehmendem Alkoholgenuss wird vernünftige Unterhaltung mit beiden Typen schwierig.
Gut, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Alkoholgenuss sehr rasch moralisch kriminalisiert hat.
Ich saß in jungen Jahren eines Sonntagvormittags mit zwei Arbeitskollegen in einem Biergarten in meiner Wohnnähe. Weil die leeren Gläser nicht abgeräumt wurden, sammelte sich auf dem Tisch nach einiger Zeit eine Zahl leerer Gläser, die mich ebenfalls des Zuspruchs von Alkohol hoch verdächtig machte und rasch wurde ich von einer guten Bekannten gesehen und beredet, obwohl ich für die Welt als Person nie interessant war, im Gegensatz zu dir.
Gerd, ich vermute, dass dir Höflichkeit immer ganz besonders wichtig war.
Du bist in zahlreichen Interviews nach deinem Umgang mit Alkohol und nach deinen Trinkgewohnheiten gefragt worden und du hast immer versucht, zum Thema zu erklären, was deiner Persönlichkeit entspricht. Du hast nie gesagt, dass das eigentlich deine Privatangelegenheit sei.
Darum sage ich dazu für alle deine Fans, und auch für die, die es nicht sind: Wir sind nicht dazu berufen, anderer Menschen Leben zu bewerten.



Der Sinn unseres Lebens?

Ein großes Thema. Du hast das Gefühl gehabt, für dein Leben bestimmt zu sein, doch hast du in deinem Leben keinen konkreten Sinn gefunden.
Ich denke, dass unser einzelnes Leben nur Sinn für das gesamte Leben im Universum macht, weil sich das Leben seit seiner Entstehung durch Lernen und Anpassen immer weiterentwickelt hat und sicher noch nicht an seine Grenzen gestoßen ist.
Und sehr wohl denke ich auch, dass jedes einzelne Leben, wenn auch nicht zu einem erkennbaren großen Sinn, so doch zu seiner »kleinen Bedeutung«bestimmt ist.
So sind unsere Gedanken über das Leben gar nicht so sehr verschieden. Und wenn die fernöstlichen Religionsphilosophien recht haben, werden unsere Seelen noch viele Male leben. Vielleicht lernen auch sie dazu?



Privatleben? Freiheit?

Dir war verdammt wenig Privatleben und Freiheit vergönnt. Wie du es spaßig erwähnt hast: »Wenn Gerd Höllerich in der Nase bohrt, ist es gleichzeitig Roy Black, der es sich nicht leisten kann, in der Öffentlichkeit so erwischt zu werden, sonst gibt es eine Schlagzeile …«
Ich glaube, dass heute sehr vieles sehr viel lockerer gesehen wird. Du bist um etliche Jahre zu früh geboren worden und damit sicher auch ein Opfer deiner Zeit geworden. Man könnte auch sagen, du wolltest deiner Zeit ziemlich weit voraus sein.
Alle Menschen, die gezwungen sind, in einem höchst fordernden Berufsleben zu 100% Dr. Jekyll zu sein, müssen genügend Freizeit und genügend Freiheit haben, um auch Mr. Hyde sein zu können und zu dürfen. Heute weiß die Wissenschaft schon sehr viel mehr darüber. Es wird in der Gesellschaft offener über alles gesprochen, das Verstehen von ganz normalen Bedürfnissen und von menschlichem Verhalten nimmt zu.
Oder können wir uns heute noch vorstellen, dass sich ein Mensch aufgrund seiner beruflichen Anforderungen und deren Folgen ein Hideaway in der Wildnis suchen muss, um seinem Mr. Hyde Raum zu geben, um abschalten zu können von der ständigen Beobachtung und Verfolgung durch unerbittliche Paparazzi, um sich privat ausleben zu dürfen wie wir alle?
Und doch bist du ja als Mr. Hyde auch in deiner Wildnis nicht frei gewesen.
In der Freizeit des Roy Black wartet seine Familie auf den Ehegatten, den Vater, den Sohn, den Bruder, die Band auf den Freund …
Sie warten nicht auf Roy Black, sie warten auf Gerd Höllerich.
Aber sie warten nicht auf Mr. Hyde, und sie können wenig verstehen, wenn sich Gerd mal nicht erwartungsgemäß verhält.
Hoffentlich hast du wenigstens ab und zu alles Glas- und Porzellangeschirr an die Wand geschmissen, das soll ja befreien.



Deine Wildnis

Deine Freiheit suchtest du in der Wildnis, sonst konntest du wohl überhaupt nicht zur Ruhe kommen. In deiner Wildnis muss Gerd Höllerich funktionieren.
Sicher hast du diese Erwartungen oft gut erfüllt, oft hast du sie noch erfüllt, aber oft war dein Gleichgewicht anscheinend nur mehr durch Aus-TOBEN erreichbar; im Wald, im Kajak auf dem Wasser, auf dem Motorrad. Energie, die raus muss! Dein Leben war immer Risiko.
In die Wildnis kannst du deine Wut und deinen Frust tragen, auch deinen Schmerz und deine Einsamkeit und die Spuren der zerrenden Groupies, die so rasch nicht auszulöschen sind.
Wenn du so auch nicht entspannen kannst, hilft dann vielleicht ein Loslassen bei mehreren guten Gläschen? Wen wundert’s? Zu essen hast du dir wenig gegönnt, sonst hätten es die Medien noch kommentiert mit: Roy Blaaaack.
Die Wildnis ist sauber, sie hilft, irritierende Gefühle loszuwerden und zu Klarheit zu kommen, sie schafft aber auch Platz für die nächsten komplexen Belastungen.
Dein Verstand hat alle Probleme so gut analysiert, doch was ist mit dem Verstand, wenn die Gefühle ein Eigenleben führen? Verstand und Gefühl sprechen verschiedene Sprachen und beide Sprachen zu erlernen und so weit zu dolmetschen, dass Verstand und Gefühl einander zumindest ertragen können, ist ein lebenslanges Ziel. Direkt kommunizieren werden sie nie.
Und dabei warst du ein ausgesprochenes Sprachtalent! (Schwäbisch, Bayerisch, Hochdeutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Holländisch …)



Künstlerische Entwicklung

1969 hab ich die Übertragung deines Konzertes aus Bielefeld im Fernsehen verfolgt. Leider hab ich damals nicht viel vom Text verstanden (nur Deutsch und ein bisschen Englisch), jetzt kann man ja im Internet alle Texte finden. Roy Black hatte damals das kurze Black-Out im »kleinen Bär«und ich bin mit dir (fast) gestorben, doch haben alle nur bewundert, wie viel an Texten du behalten hast.
Deine Rolle war klar, »jugendlicher Liebhaber«, 26 Jahre jung.
1971 kam »Anita«. Was war das jetzt? Wer hat dir bloß geraten, deine Rolle als »jugendlicher Liebhaber« gegen die von »Papa mit Kind« zu tauschen? Ich war erstaunt, dass dieses Experiment im ersten Anlauf noch gut gegangen ist, fürchtete aber für dich, dass das Interesse von zigtausenden Mädels, älter als zehn, schlagartig abgekühlt war.
Zur Veranschaulichung: Dein eigener Sohn war 1986 zehn Jahre alt, du 43. »Anita« hat dich also 1971 mit 28 Jahren über Nacht auf 43 Jahre altern lassen. Sie konnte nichts dafür. Aber was nach »Anita«? Warum sägst du an dem Ast, auf dem du sitzt?
Bei mir und vielleicht bei vielen anderen hast du Verunsicherung geschaffen. Wer bist du jetzt? Wie alt bist du?
Zur gleichen Zeit kam es zu einer Abwertung der gesamten Schlagermusik, was zu einer schlimmen Diskriminierung der Schlagersängerinnen und -sänger, aber auch ihres Publikums, den Fans von Schlagermusik, führte.
Aber allem zum Trotz: der »Hit« lebt. Und deine Lieder leben, Gerd.
In Interviews hat es dich manchmal gedrängt, ein paar Wahrheiten loszuwerden, doch leider war dann meistens die Zeit zu kurz, um sie so weit erläutern zu können, dass auch Menschen verstehen, die nicht im Showbusiness leben. Nachdem die Medien kein Interesse daran hatten, deine Kurz-Aussagen näher zu erklären, bist du viel interpretiert worden und irgendwann warst du dann in Interviews nur mehr Roy Black. Gerd Höllerich hast du das Mikro verweigert. Wahrscheinlich eine kluge Entscheidung. Aber schade!



Hautnah

Früher hab ich mich oft gefragt, wie Schauspieler und Schauspielerinnen Liebesszenen überzeugend darstellen können, wenn sie einander doch gar nicht lieben? Die erste gefundene Antwort war: sie tun einfach so. Die zweite Antwort war, dass sich Künstlerinnen und Künstler während der gemeinsamen Arbeit auch oft tatsächlich verlieben. Natürlich! Bei Film und Fernsehen gibt es begabte, sensible, schöne, ausgewählte Menschen, die aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung auch keine Berührungsängste haben. Manchmal wird daraus eine Lebenspartnerschaft, meistens eine Erinnerung. Eine Erinnerung an Freud und Leid einer gemeinsam intensiv durchlebten Zeit während der Dreharbeiten. Roy Black war während Dreharbeiten nicht gern abgelenkt. Nicht durch Gerd. Roy und Gerd »gleichzeitig« gerecht zu werden, war einfach zu viel für dich.
Ein Künstler der Bühnen, der von weiblichen Fans umschwärmt wird, kann sich Art und Anzahl seiner »jugendlichen Liebhaberinnen« nicht auswählen. Die Frauen wollen ihrem Lieblingssänger nahe sein. Sie denken nicht darüber nach, dass rund um ein Konzert hunderte Frauen auf Küsschen warten, nicht alle jung und schön. Ich hätte in gleicher Situation auch lieber nicht darüber nachgedacht. Für den Star sicher nicht die Lieblingsbeschäftigung, auch wenn du überzeugt hast, Gerd. Du hast keine erkennbaren Berührungsängste gehabt.
Ich denke, du hast Angst gehabt vor dem steigenden Alter deiner weiblichen Fans, das hat dich zu sehr an dein eigenes Alter erinnert, und Angst davor, dass aus dem Alleinsein in langen Nächten, insbesondere auf deinen Tourneen, nach langen Konzertabenden, Einsamkeit werden könnte. Wir alle versuchen, dieser Angst eine Weile zu entkommen, indem wir nach Kontakten suchen, die uns jedoch leider nicht lange darüber hinwegtäuschen können, dass wir immer allein sind.
Alle weiblichen Fans, die sehr wohl Aufmerksamkeit von ihrem Star für sich haben wollen und gleichzeitig verurteilen, dass andere Frauen nahe sein dürfen, seien gegrüßt. Man nennt das Neid.



Erwartungen

Was erwarten Menschen von Mitmenschen?
Anerkennung in der Gemeinschaft der Menschen,
Anerkennung in der persönlichen Freiheit,
DAS SEIN-LASSEN
Was erwarten Partnerinnen und Partner?
Anerkennung in der Partnerschaft,
Anerkennung als Individuum und
Zuneigung,
DAS ANNEHMEN

Sobald wir eine Partnerschaft eingehen, vergessen wir leicht, dass nicht nur wir, sondern auch unser Partner, unsere Partnerin Anspruch darauf hat, dass sich ihre Erwartungen an uns erfüllen. Gedanken und Ansichten, Verhalten und Leben des/der Geliebten als Partner/in bewusst annehmen und schätzen zu können, dem Partner, der Partnerin vermitteln zu können, dass wir sie exakt so annehmen, wie er/sie ist, weil er/sie so ist, und wir deshalb Anerkennung und Zuneigung für sie empfinden, ist mit einer lebenslangen Arbeit – an sich selbst – verbunden.
Das ist Liebe. Und keiner hat gesagt, dass es leicht ist.
Gerd, ich denke, auch du hast diesen Kampf in deiner Partnerschaft gekämpft. Es gibt dabei keine Sieger, keine Verlierer. Wenn diese gegenseitigen Erwartungen, angenommen zu werden, zu wenig erfüllt sind, löst sich die Partnerschaft auf. Mit Donner, Feuer und Rauch oder in aller Stille.
Natürlich wissen wir das alles. Und natürlich vergessen wir das alles immer dann, wenn es gerade wichtig wäre …



Schmerzliche Missverständnisse

Immer wieder habe ich von Eheproblemen gehört, die hauptsächlich darin begründet waren, dass Mann und Frau sehr verschieden auf die Umstände des Lebens reagierten. Leicht werden diese Unterschiede dann dem individuellen Charakter des Partners, der Partnerin zugeschrieben und das Missverstehen ist auf dem besten Weg, zum Missverständnis zu werden.
Ich hab’ mal gelesen, dass sich Hund und Katz deswegen so schlecht »verständigen« können, weil der Hund das Schnurren der Katze für Knurren hält, es sei denn, er ist mit Katzen aufgewachsen.<



Zeit nach der Hochzeit

Wenn die Zeit des Kennenlernens und des intensiven Zusammenseins mit einem Menschen in einer Hochzeit gegipfelt hat, ersehnt sich die Frau eine »neue« intensive Zweisamkeit mit ihrem Partner, nunmehr als gemeinsame Eheleute, während es den Mann hinauszieht, anscheinend, um seinen »Erfolg«zu feiern, seine »Eroberung kund zu machen«und vielleicht auch, um neue Kraft aufzutanken.
Die Frau sitzt verstört zu Hause und kann nicht verstehen, warum er jetzt plötzlich nicht (mehr) mit ihr zusammen sein möchte. Sie kränkt sich.
Auch zu Beginn unserer Ehe hat mein Mann plötzlich viel Zeit mit Kumpels verbracht, der Mann meiner Freundin war von einem Tag auf den nächsten wieder häufig zu Gast bei seiner Mutter. Wir Frauen können das deswegen nicht verstehen, weil wir das Verhalten nicht nachempfinden können und die Erklärungen der Ehemänner halten sich in Grenzen (verstehen sie es selbst?). Aber wohin immer er geht, er kommt ja wieder und seine Gefühle sind unverändert …



Glück teilen

Wir erwarten vom Partner, der Partnerin, Lob für Anstrengungen und Leistungen, die uns persönlich besonders wichtig sind.
Wenn man das so liest, wird sofort klar, wo der Wurm drin ist.
Lieber Gerd, wenn deine Frau an die neuen Vorhänge Rüschen näht, die ganz besonders gut zur Einrichtung passen, sie dich ins Wohnzimmer führt, in der Hoffnung, dass sie dir auffallen, und sie für dich heller als die Raumbeleuchtung strahlt …
Dir ist wichtig, einen besonderen Abend gestaltet zu haben, zum Spaß und zur Freude deiner Gäste, mit deinen Liedern, die du heut besonders für deine Frau singst, und du strahlst auf der Bühne heller als ein Super Trouper …
Ja, selbst wenn wir alle hoch sensibel sind und unsere Gefühle voll öffnen, werden wir es nicht immer schaffen, das richtige Lob zur richtigen Zeit bereit zu haben für den ganz persönlichen Einsatz unseres Partners, unserer Partnerin. Oft wird sie auch für uns ausbleiben, die spontane Umarmung, gerade jetzt, gerade dafür, die Zuneigung, der Kuss.
Schaffen wir es, die Zufriedenheit mit unserer eigenen Leistung, das Glücksgefühl, mit dem Partner, der Partnerin zu teilen? In den Zeiten der Verliebtheit gelingt das alles wie von selbst, anscheinend sind wir dann einander besonders zugewandt.
In den Zeiten des täglichen Kampfes gegen den Rest der Welt, müssen wir versuchen, uns immer wieder daran zu erinnern, wer wir waren, wer wir sind, was wir miteinander teilen … Und dann ist es nicht mehr ganz so wichtig, ob wir die Welt völlig gleich erleben oder ob uns verschiedene Leistungen im Leben von Bedeutung sind, ob unser Partner, unsere Partnerin eben diese Leistung, die uns selbst so wichtig ist, als genauso wichtig erlebt.



Männer und ihre Babys

Was häufig auffällt, ist eine gewisse körperliche und seelische »Unbeholfenheit«der Männer in Themen rund um die Geburt und im Umgang mit Babys, die sie aber förmlich geschickt dazu nutzen, um entsprechenden Abstand zu wahren. Selbst bei Vätern, die bei der Geburt ihrer Kinder dabei waren, findet man virtuelle Abstandhalter in unterschiedlichem Ausmaß. Viele Männer scheinen die Ansicht zu leben, dass Geburt und Babys ein »Frauending«sind. Ist ihnen die Entwicklung eines Kindes ein bisschen unheimlich? Vielleicht macht es ihnen ein wenig Angst? Oder sie können kein Blut sehen … Viele mögen keine Spitalatmosphä­re und laufen aus »weißen Bereichen«grundsätzlich davon.
Für Frauen ist diese Haltung unbegreiflich, weil das kleine Wunder sie ja körperlich und seelisch so unmittelbar und so nah betrifft. Sie sind daher auch durch die männlichen Abstandhalter gekränkt.
Wieder sind wir darauf angewiesen, unsere Gefühle möglichst gut zu teilen und miteinander zu leben. Lassen wir sie langsam näher kommen, unsere Helden des Alltags. Sobald Babys »berechenbarer«werden und sich erwartungsgemäßer verhalten, sind sie dann schon da, die Väter, mit ihrem Stolz auf ihre Sprösslinge. Sie lieben ihre Kinder, anders als Mütter, aber sicher genauso innig.
Wenn der erwerbstätige Partner nachts nicht zur Ruhe kommen kann und ein Hotelzimmer bucht oder für längere Zeit Freunde besucht, die (noch) ohne Nachwuchs sind, lassen sie ihn oder sie ziehen. Geteiltes Leid ist manchmal doppeltes Leid.
Weinende Babys, deren Grundbedürfnisse nach Nahrung und trockenen Windeln gedeckt sind, kann man nur beruhigen, wenn man selbst völlig ruhig ist. Du konntest es nicht schaffen, Gerd.



Tränen

Du hast oft von Tränen gesungen. Den Frauen sind die Tränen des Leids viel näher als den Männern. Oft wird behauptet, das hat mit unterschiedlicher Erziehung zu tun. Klar, wird den Jungmännern bereits erzählt, »dass Indianer keinen Schmerz kennen«. Aber Männer weinen ja, wenn auch erst in äußerst dramatischen Zeiten. Heutzutage ist Weinen gesellschaftsfähig.
Aber betrachten wir doch auch einmal die Freudentränen. Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, auch die Tränen der Freude, der Rührung, sind den Frauen viel näher als den Männern. Also lasse ich für mich den Schluss zu, dass die unterschiedliche Neigung zu Tränen überwiegend auf angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau zurückgehen.
Es fällt mir oft schwer, diesen Unterschied einfach zu leben, weil Tränen meist mit Schwäche gleichgesetzt werden. Aber mein Mann hat immer und überall ein Taschentuch für mich dabei.
Liebe Frauen! Männer sind auch empfindsam, sie weinen oft ohne Tränen und sie sagen es nicht immer.



Was verraten Herzleiden?

Schon lang sind die Organe der Menschen mit seelischem Befinden verbunden. Wir alle wissen, was damit gemeint ist, wenn uns etwas über die Leber läuft, wenn uns die Galle übergeht, das Hirn sauer wird, wenn wir keine Luft mehr bekommen oder uns das Herz bricht.
Körperliche Herzleiden verraten oft vorausgegangene seelische Leiden, die »Herzschmerzen«verursacht haben. Gerd, ich denke, deine Herzleiden wurden immer schon von schwierigen Beziehungen verursacht. Frauen leben ihre Beziehungen oft unruhig und emotional gesteuert, im Gegensatz zur typisch männlichen beständigen Präsenz. Sie waren immer deine Liebe und dein Hass, deine Freude, aber auch dein Schmerz und dein Rätsel.
Gerd, wie konntest du bloß einen Arzt spielen?! Ich habe den Weißkitteln nie zu 100% vertrauen können, in dem Wissen, dass sie nicht fühlen können, wie ich mich fühle. Mein Verstand kann versuchen, zu beschreiben, wie es mir geht. Aber die Probleme zwischen Verstand und Gefühl sind wir ja schon durch. Ich hab auch immer gespürt, dass Ärzte dazu neigen, ihren Patienten nicht wirklich zu vertrauen (die haben ja nicht Medizin studiert …).
Selbst die Menschen, die Medizin studiert haben und sich Ärzte nennen, leben nicht immer gesund und sind nicht immer so tolle Vorbilder. Aber über die Schwächen, die sie selbst nicht haben, können sie hervorragende Reden halten.
Es ist jedenfalls gesünder, keine Ärzte zu brauchen; manchmal braucht man sie doch. Zumindest so lang, bis man mit dem eigenen Körper und seinem Zustand wieder klar kommt.
Gerd, es scheint, du warst immer ein analytischer Geist, eine empfindsame Seele und getrieben von einem immer wieder ruhelosen Herz, das alles zugleich leben wollte und sich doch nach Ruhe gesehnt hat.



Ein Herz, eine Seele?

Die Wissenschaft hat sich damit beschäftigt, dass unser Herz schmerzt, wenn die Seele leidet.
In der Theorie Nr. 1 wurde die Seele als Funktion unseres Gehirns vermutet. Unser Herz ist der wichtigste Muskel im Körper, der jedoch keinerlei direkten Kontakt, keine direkte Verbindung zu den Funktionen des Gehirns hat. Wie also kann sich dann das seelische Befinden auf das Herz auswirken?
In der Theorie Nr. 2 wurde dann das Herz als »Sitz der Seele«angenommen und die Seele als eine vom Gehirn unabhängige Funktion im Menschen gesehen, die auf unseren Geist reagiert und anscheinend den »Mittler«zwischen Geist und Herz darstellt.
Wenn wir großes Leid oder große Freude erleben, bringt unsere Seele diese Gedanken als Gefühle zum Herz, das daraufhin in seiner Art zu arbeiten reagiert. Kaum einer, der nicht schon die große Freude sich zu verlieben erlebt hat, oder den Schmerz eines großen Verlustes kennengelernt hat. Dann bringt unsere Seele das Herz zum Klopfen, Hüpfen, zum Aufgehen, zum Schmerzen …

Wie kann ich mit Worten beschreiben, was mein Herz fühlt? An diesem Ort endet alle Sprache. Gerd, ich denke, auch du warst oft in der Sprachlosigkeit. Führte sie dich zum Singen? Führt sie uns zum Singen?




So will ich meinen Brief an dich schließen,
du bleibst in meinen Gedanken,
deine Stimme in meinem Herzen,

Elfe







Elfe Weiß: »Geboren 1958 in Wien, habe ich einige Ausbildungskurse am Konservatorium besucht. Immer hab ich selbst gern musiziert und gesungen, am Lagerfeuer, in der Musikgruppe und im Chor. Nach der Reifeprüfung habe ich eine Stelle im Bundesdienst (Sozialressort) angenommen. Am Arbeitsplatz habe ich auch meinen jetzigen Ehemann kennengelernt. Während ich noch berufstätig bin, betreut er unseren kleinen Garten. Ich schreibe gern Gedichte, der aktuelle Beitrag ist mein erster in Prosa.«